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Auszug aus dem Vortrag an
der sifa-Wintertagung
zur Sicherheitspolitik in Aarau am 28. Januar
2006
Fort mit der Glasglocken-Mentalität!
Wir brauchen eine Grenadier-Armee
Von Divisionär aD Hans Bachofner,
Winterthur
Die Schweiz wäre dringend
auf eine tragende strategische Doktrin angewiesen.
Die Diskussion darüber findet allerdings
in einem Klima der Glasglocke statt. Dies eine
Feststellung aus der aktuellen Lagebeurteilung
von Divisionär Hans Bachofner, vorgetragen
an der sifa-Wintertagung zur Sicherheitspolitik
am 28. Januar 2006 in Aarau.
Innerhalb der Glasglocke, so hielt Divisionär
Bachofner fest, entwickelt die Armee-Spitze Zukunftspläne,
sorgfältigst abgeschirmt von Kritik von aussen.
Ausserhalb der Glasglocke steht die Öffentlichkeit,
deren Kritik zunimmt, weil das Vertrauen in die
Kompetenz der Führung sinkt. Denn wichtige
Fragen bleiben unbeantwortet: Was sucht die Schweiz
in Nato-Nähe? Weshalb wird Englisch zur Kommandosprache?
Wird gegen unser Land Druck ausgeübt, sich
stärker in Afghanistan zu engagieren? Wie
steht es um die EU-Eingreiftruppe, zu welcher
seitens der Armee-Führung Beitrittsgelüste
zumindest angetönt worden sind?
Die Bevölkerung erkennt auch die Gefahr,
die von neuen terroristischen Bedrohungen ausgeht.
Und sie nimmt die weltweite Kräfteverschiebung
wahr. Sie verfolgt die sichtbar werdende Erschöpfung
der USA. Und den Aufstieg neuer, teilweise eine
gefährlich aggressive Sprache pflegender
Mächte. Welches ist, fragt sich die Öffentlichkeit,
der Profit unserer Auslandeinsätze? Wie kommen
Entscheide, sich mit der Armee im Ausland zu engagieren,
überhaupt zustande?
Dann gibt es die dritte, wachsende Gruppe: Die
Gleichgültigen. Sie sind allenfalls schon
für eine Armee. Sie wollen sich aber mit
Steuergeldern von der Militärdienstpflicht
freikaufen. Deshalb liebäugeln sie mit einem
Berufsheer. Dienst am Land wird kleingeschrieben.
Gefragt wird höchstens: Was nützt "mir"
der Militärdienst?
Sicherheit heute
Dies alles geschieht zu einem Zeitpunkt, da der
Begriff "Sicherheit" offensichtlich
zerredet und überdehnt worden ist. In der
Uno spricht man nur noch von sogenannt "erweiterter
Sicherheit". Das ist nicht die Sicherheit
von Staaten gegen Angriffe anderer Staaten. Gemeint
ist damit vielmehr die Sicherheit des Individuums
vor Armut, vor allem Übel, auch vor Umweltkatastrophen.
Die Gesundheit steht im Zentrum. Abgelehnt wird
Gewalt, die Menschenrechte werden beschworen.
"Sicherheit" ist mit ganz anderem Inhalt
angefüllt worden.
Das zeigt: Wir brauchen endlich eine strategische
Doktrin. Wir müssen bescheidener werden.
Nicht länger vorgeben, wir könnten Sicherheit
für alles und vor allem gewährleisten.
Wir müssen über Strategie reden. Und
dabei müssen konkrete Fragen gestellt werden:
Die Bedrohungsfälle müssen untersucht
werden, zeitlich und räumlich, so wie sie
erkennbar sind. Welches Leistungsprofil ist daraus
abzuleiten für die Armee von heute? Welche
Mittel in personeller, finanzieller, materieller,
baulicher, struktureller Hinsicht sind erforderlich?
Wie werden die Kompetenzen aufgeteilt?
Die Stellung des Bürgers als Soldat ist
neu zu definieren. Auch die Stellung der über
zwanzig Prozent Ausländer in der Schweiz
muss endlich festgelegt werden. Ich schlage als
Weg hin zu einer überzeugenden Doktrin sechs
Wegweiser vor, denen die Spitze zu folgen hätte
bei der Prüfung von allem, was vorzukehren
ist.
Erster Wegweiser: Ein realistisches Weltbild
Es ist Abschied zu nehmen von der Illusion einer
militärisch-humanitär intervenierenden
Staatengemeinschaft. Es ist Abschied zu nehmen
von der Illusion des Weltpolizisten Uno oder des
Weltpolizisten USA. Die Stellung der Schweiz in
einer neu sich herausbildenden multipolaren Welt
von Nationalstaaten, einer Welt voller Konfrontationen,
Machtproben und Konflikte ist festzulegen. Dann
hätten wir endlich ein realistisches Weltbild.
Zweiter Wegweiser: Das realistische
Kriegsbild
Eine strategische Überraschung ist zu jedem
Zeitpunkt möglich. Deshalb brauchen wir eine
einsatzbereite Armee. Nicht eine Armee, die unter
den Fahnen steht und auf den Feind wartet. Nicht
eine Berufsarmee. Sondern eine Milizarmee. Eingebunden
in Gesellschaft und Wirtschaft. Abrufbereit für
den Notfall. Und für die Ausbildung.
Das heisst Abschied-Nehmen von der Illusion,
die Schweiz sei im Hindukusch und auf dem Balkan
zu verteidigen. In der naiven Meinung, Terrorismus
und illegale Einwanderung hätten lokalisierbare
Wurzeln, die man mit Schweizer Militär dort
ausrotten könne. Die Hinwendung zu den neuen
Kriegsbildern ist notwendig, zu kaum mehr staatlich
geführten, kommerzialisierten, asymmetrischen
Konflikten in Form von Bürgerkriegen, Antiterrorkriegen,
in denen zunehmend auch Vernichtungswaffen eingesetzt
werden können. Nicht mehr die Entscheidungsschlacht
findet statt. Vielmehr drohen Massaker.
Als Vorbereitung ist gründliche Kenntnis
der eigenen Verwundbarkeit, der neuen Verwundbarkeit
unserer Gesellschaft notwendig. Dabei ist endlich
sauber zu unterscheiden zwischen Gefahren und
Risiken. Heute werden diese Begriffe laufend vermischt,
auch in den täglichen Nachrichten-Sendungen.
Wer die eigene Verwundbarkeit erkennt, der wird
sich für die Dezentralisierung der gefährdeten
Positionen entscheiden. Und zur breiten Streuung
der Verantwortung. Je dezentralisierter unsere
verwundbarsten Institutionen placiert sind, desto
weniger verwundbar sind wir.
Dritter Wegweiser: Ein realistisches
Soldatenbild
Die Fähigkeit zum Kampf ist die einzige
Legitimation des Soldaten. Für alles andere
gibt es geeignetere Berufsgruppen. Wir brauchen
Kämpfer, nicht bewaffnete Sozialarbeiter.
Verabschieden wir uns endlich von der heuchlerischen
Sprache der Propagandisten. Gefragt ist klare,
offene Sprache. Wir brauchen eine Ausbildungsarmee,
nicht eine Einsatzarmee. Die Armee ist kein Überwachungsgeschwader.
Die Ausbildung für das, was auf uns zukommt,
ist anspruchsvoll genug. Für Hilfseinsätze
aller Art fehlt die Zeit. Besonders für eine
Miliz, die ja nicht dauernd im Dienst ist und
die ihr Hauptbetätigungsfeld im Zivilen hat.
Deshalb ist die verfügbare Zeit ausschliesslich
für die Ausbildung zu nutzen. Nur im wirklichen
Notfall soll die Armee eingesetzt werden.
Wir benötigen für dieses realistische
Soldatenbild eine angemessene Auftragstaktik -
nicht abstrakte Lippenbekenntnisse. Auftragstaktik
gibt es nicht in internationalen Einsätzen.
Das bestätigen alle militärischen Führer,
die Auslandeinsätze geleitet haben. Eine
internationale Armee kann nicht mit einheitlicher
Auftragstaktik geführt werden. Da haben sie
die Kompanie aus Fidschi, eine aus Brasilien,
daneben eine aus Ghana. Denen können sie
nicht Aufträge übertragen, die sie selbständig
zu erfüllen in der Lage sind. Da müssen
sie zuerst Befehlstaktik lehren. Und wenn sie
endlich alles auf demselben Leisten haben, dann
müssen sich alle anpassen, sich so verhalten,
wie es auch andere machen. Im Auslandeinsatz verliert
die Schweiz ihre Hauptstärke, die in der
Miliz wurzelt: Die Köpfe, die selber denken
können, selber zu denken gelernt haben, die
im Rahmen des ihnen erteilten Auftrages selber
Entscheide fällen können.
Für die neuen Bedrohungen brauchen wir zusammengeschweisste
Verbände, in denen jeder jeden kennt, jeder
jedem vertraut. Ich muss wissen, wem ich einen
Auftrag erteile. Ich muss den Mann kennen, seine
Familiengeschichte, ihn selbst. Und er muss mich
kennen, er muss Vertrauen haben in mich. Wir brauchen
Truppenkommandanten als Verantwortliche, die Ausbildungslücken
nicht abschieben können auf irgend ein Aufwuchs-Konzept:
"Das machen wir dann schon, wir können
es nur jetzt halt noch nicht." Wir müssen
die Kommandanten wieder messen und qualifizieren
an der Bereitschaft ihres Verbandes für den
Ernstfall.
Wir wollen mit diesem realistischen Soldatenbild
keinen Missbrauch dulden. Soldaten unter der Bezeichnung
"Unterstützung der Behörden"
als Gratis-Hilfe für kommerzielle Anlässe:
Solches missachtet die Würde des Soldaten!
Diese Würde ist zu achten. Sie hängt
zusammen mit der Todesnähe des Soldaten.
Das ist etwas ausserordentlich Ernsthaftes.
Der Soldat ist auch als Bürger zu achten.
Wir sind Soldaten und Bürger in einem. Und
wir trennen das nicht. Als Bürger sind wir
die Vorgesetzten aller Leute unter der Glasglocke
an der Armee-Spitze. Wir bestimmen, wohin es geht.
Wir haben eine Meinung. Und diese Meinung sagen
wir auch. Und dann ziehen wir, wenn es sein muss,
die Uniform an. Wir sind dann immer noch Bürger
und äussern unsere Meinung weiterhin. Allerdings
gibt es dann eine Ausnahme: Wenn der Einsatz,
der Ernstfall kommt, dann gehorchen wir, weil
das nötig ist. Wir können nicht tausend
Dinge tun, jeder, was er will. Wir haben das zu
tun, was der Vorgesetzte sagt. Das gilt schon
in der Ausbildung, weil auch die Ausbildung nicht
gelingt, wenn sie nicht einer Disziplin unterstellt
ist. Aber alles andere bleibt dem Soldat als Bürger
erhalten. Das ist der fundamentale Unterschied
zur Berufsarmee.
Vierter Wegweiser: Die Unabhängigkeit
In der neuen Unordnung, welche die Welt von heute
prägt, müssen wir handlungsfähig
bleiben. Wir können das nur, wenn wir nicht
oberflächlichen Konsens herbeireden wollen
mit fünfundzwanzig andern Ländern, die
ganz andere strategische Kulturen leben und ganz
andere Interessen haben. Vor allem verlieren wir
dann die Handlungsfähigkeit, wenn wir die
Weisungen von Mächtigen erfüllen müssen,
die ihre eigenen Interessen umsetzen wollen.
Wir können auch nicht auf den Schutz der
Grossen warten. Die USA werden eher ausfallen,
als dass sie ihre Hand noch über andere ausbreiten
können.
Fünfter Wegweiser: Die
Neutralität
Die Neutralität ist mehr als ein Rechts-Institut
- leicht angestaubt, seit sie im Jahr 1907 definiert
worden ist. Neutralität ist eine Grundhaltung.
Sie darf niemals zum Lippenbekenntnis verkommen.
Nie dürfen wir sagen: Ja, ja, wir sind schon
neutral, aber wir machen trotzdem mit. In den
vielfältig absehbaren bewaffneten Konflikten
der näheren Zukunft gehört die Schweiz
nicht an die Seite einer Partei oder einer Parteiengruppe.
Wir wollen uns nicht hineinziehen lassen in Konflikte.
Als Kleinstaat, als neutraler Kleinstaat können
wir diplomatische Kontakte mit allen aufrecht
erhalten. Damit haben wir einen höheren Nutzwert
denn als Gefolgsmann einer von mehreren rivalisierenden
Mächtegruppen. Neutralität schützt
uns nicht vor andern. Aber sie schützt uns
vor unbedachten Abenteuern, in die es unter der
Glasglocke realitätsfremd gewordene Leute
ziehen kann. Die Neutralität schützt
uns vor uns selbst, dass wir uns nicht plötzlich
begeistern für irgend eine Aktion und dann
unbedacht mit dem Militär in einen Konflikt
stürmen.
Sechster Wegweiser: Die Selbstverantwortung
Wer unabhängig, klein und neutral lebt,
ist allein. Man liebt den Neutralen nicht, schon
gar nicht, wenn er reich ist. An Konferenztischen
spielt er eine Nebenrolle. Das fällt eitlen
und schwachen Vertretern von Staat und Armee äusserst
schwer. Aber es nützt uns.
Wir müssen selbst für unseren Schutz
sorgen. Wir brauchen eine starke Armee mit hohen
Beständen. Was muss sie können? Sie
muss das Unerwartete meisten können. Sie
wird etwas bestehen müssen, was wir heute
noch gar nicht ahnen. Dann, wenn wir sie brauchen,
dann muss sie vor Nie-Dagewesenem, vor Überraschendem
bestehen. Dafür gibt es eine eigene Führungstechnik,
die man nicht abschreiben kann aus fremden Reglementen
anderer Armeen.
Die erste Frage ist: De quoi s'agit-il? Diese
Frage wird die hohen Kommendanten in Zukunft noch
viel mehr beschäftigen als bisher. Zuerst
ist herauszufinden: Was eigentlich los ist? Worum
geht es? Auf der untersten Stufe wird es immer
um Töten und Vernichten gehen. Auf operativer
Stufe um Beweglichkeit, Flexibilität. Und
auf der strategischen Stufe um Verhindern, Erzwingen,
auch Schützen. Dies aber im eigenen Land,
inmitten der eigenen Bevölkerung. Zu ihrem
Schutz und unter höchster Schonung.
Die Führung muss eine umfassend eintrainierte
Führungstechnik beherrschen, die Bund, Kantone,
Gemeinden, Armee und Bevölkerungsschutz zusammenfasst.
Sie muss umgehen können mit den Erfordernissen
der ersten Stunde. Polizei, Feuerwehren, Sanität-
und Transportdienste müssen sofort einsetzbar
sein - auf solider gesetzlicher Grundlage. Die
Führung muss genau wissen, wer wofür
zuständig und kompetent ist. Und die Einsatzkräfte
müssen die Stätte ihres Einsatzes kennen
wie ihre Hosentaschen. Benötigt wird ein
Truppen-Nachrichtendienst, der nicht nach Panzern
späht, um herauszufinden, wo das Material
des Gegners liegt. Der Nachrichtendienst muss
sich auf Menschen konzentrieren. Herausfinden,
wo jene sind, von denen Gefahr ausgeht. Damit
man, im entscheidenden Augenblick, den Richtigen
erledigen kann.
Wir müssen uns vorbereiten auf Städtekampf
und auf Ortskampf. Das ist der Kampf der Grenadiere.
Wir brauchen statt einer Füsilier-Armee eine
Grenadier-Armee. Diese Änderung ist anzupacken!
Das, was die Grenadiere können, den Kampf
um Häuser und um Ortschaften, das ist etwas
Spezielles, etwas Besonderes. Es muss sorgfältig
und umfassend trainiert werden. Diese Botschaft
muss hinaus ins Land: Weg von der Füsilier-Armee
- Hin zur Grenadier-Armee! Und in Übungen
ist zu zeigen, was für gewaltige Kräfte
auf dieser neuen Grundlage freigesetzt werden
können.
Diese Entscheidung ist zu treffen, von denen
innerhalb und von denen ausserhalb der Glasglocke.
Wer dem störrischen Volk ein realistisches
Weltbild und ein realistisches Soldatenbild ohne
heuchlerisches Vokabular aufzeigt, wer mit Bildern
operiert, die man täglich am Bildschirm wieder
erkennen kann, wer glaubwürdig Unabhängigkeit,
Neutralität, Selbstverantwortung mit einer
zum wohldosierten Einsatz im eigenen Land bereiten,
starken Armee anstrebt, dem wird es nicht an Gefolgschaft
fehlen.
Hans Bachofner, Div aD
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